Interview
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2026

„Gesunde Kommunikation kann Krankenstände beeinflussen“

Worte können Stress auslösen, Sicherheit geben oder sogar krank machen. Wie man gesundheitsfördernd kommuniziert, erklärt „Wortmedizinerin“ Lisa Holtmeier im Interview.
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2026

„Gesunde Kommunikation kann Krankenstände beeinflussen“

Worte können Stress auslösen, Sicherheit geben oder sogar krank machen. Wie man gesundheitsfördernd kommuniziert, erklärt „Wortmedizinerin“ Lisa Holtmeier im Interview.
„Gesunde Kommunikation kann Krankenstände beeinflussen“

Du setzt dich dafür ein, Kommunikation als Gesundheitsfaktor zu betrachten. Wie erklärt sich die Wirkung von Worten auf die Gesundheit wissenschaftlich?
Unser Gehirn reagiert auf Worte, zum Beispiel mit der Ausschüttung von Stress- oder Glückshormonen – je nachdem, welche Worte gewählt wurden. Glückshormone wie Dopamin oder Endorphine können nachweislich das Immunsystem stärken. Stress hingegen ist nicht nur psychisch anstrengend, sondern belastet auch unseren gesamten Körper. Funktionelle MRTs haben gezeigt, dass im Gehirn die gleichen Schmerzareale aktiv sind, egal ob wir uns körperlich oder psychisch verletzt fühlen. Und in Umgebungen, in denen wir uns unwohl fühlen, werden wir häufiger krank. Für Unternehmen bedeutet das: eine gesunde Kommunikationskultur kann nicht nur für Zufriedenheit sorgen und damit Mitarbeitende binden, sondern sogar Einfluss auf Krankenstände nehmen.


Wie sieht denn eine gesunde Kommunikation aus?
Man erkennt sie daran, dass es uns vor, während und nach einem Gespräch gutgeht.


Gibt es typische „ungesunde“ Kommunikationsverhalten, die du in Unternehmen immer wieder beobachtest?
Im alltäglichen Miteinander schmettern Sätze wie „Das haben wir schon immer so gemacht” oder „Das ist unrealistisch” Ideen nieder. Mit „Die arbeitet nur in Teilzeit” werden Arbeitskräfte abgewertet. Oft beschäftigen wir uns in Teams aber auch damit, wie Meetings gestaltet sind, wie oft unterbrochen wird, wie man mit Feedback und Fehlern umgeht oder ob im Team übereinander gesprochen wird.
Bei Führungskräften ist häufig Thema, dass sie sich davor scheuen, Unsicherheit oder Wissenslücken zu kommunizieren. Oft geht es Teams aber besser, wenn ihre Führungskräfte offen und transparent sind. Und strukturell fehlt häufig Transparenz. Denn Stress entsteht dort, wo Informationen fehlen – das lässt Raum für Interpretationen.


Was bedeutet das für die Unternehmenskommunikation?
Vorweg: Kommunikation ist kein Allheilmittel. Und verantwortlich für eine gesunde Kommunikationskultur sind alle, die miteinander kommunizieren, nicht nur Kommunikationsabteilungen. Kommunikator:innen können aber mit gutem Beispiel vorangehen und immer wieder kleine Impulse setzen: durch klare statt verklausulierte Botschaften, inklusive Sprache und einen empathischen Ton bei sensiblen Themen. Zum Beispiel: „Uns ist bewusst, dass diese Entscheidung viele betrifft. Wir erklären, warum wir diesen Schritt gehen und wie wir euch dabei unterstützen.“ Statt: „Die Maßnahme ist notwendig, um wettbewerbsfähig zu bleiben.“
Kommunikator:innen können aber auch stark mitsteuern, wie Veränderungen im Konzern von Mitarbeitenden wahrgenommen werden.


Wie das?
Damit Veränderungsprozesse wenig Stress auslösen, muss man den Kontext erklären, den Nutzen konkret benennen, den Dialog ermöglichen, sensible Gruppen mitdenken und nicht nur Erfolge aufzählen, sondern auch Leerstellen und Baustellen benennen. Positive Kommunikation kann anstecken – aber nur dann, wenn sie ehrlich ist. Menschen wissen, dass nicht immer alles rosig ist, und möchten in dieser Ansicht ernstgenommen werden. Dafür müssen auch Führungskräfte sensibilisiert werden.


Du sagst, verantwortlich für eine gesunde Kommunikationskultur sind alle, die miteinander kommunizieren. Was sollten denn alle beachten?
Das Erste: fragen statt sagen. Wir müssen viel öfter Rückfragen stellen: Wie hast du das gemeint? Wie ist deine Perspektive dazu? Welche Ideen hast du? Woran machst du deine Annahme fest? Das vermeidet Unterstellungen und Missverständnisse.
Zweitens muss Kommunikation über Kommunikation stattfinden. Wir Menschen sollten darüber sprechen, wie wir miteinander umgehen wollen, was uns wichtig ist, um gut arbeiten zu können und wie wertschätzendes Feedback für uns aussieht.
Die dritte und vielleicht wichtigste Grundregel heißt Wertschätzung. Wertschätzung wird oft noch als Kuschelkultur belächelt, hat aber messbare Effekte. Sie tut uns einfach gut – egal, von wem sie kommt.

Über die Person
Als Ergotherapeutin auf der Intensivstation hat Lisa Holtmeier beobachtet, wie sich Gesprochenes auf die Vitalzeichen der Patient:innen ausgewirkt hat. Die Wirkung von Worten auf die Gesundheit hat sie später in ihrer Bachelorarbeit untersucht. Heute macht sie sich dafür stark, Kommunikation gezielt zur Gesundheitsförderung und Prävention einzusetzen – als Kommunikationscoach, Podcasterin und Buchautorin.

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Geschrieben von Zimmermann Editorial

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