
Was Top-Manager:innen und ihre Kommunikationsteams vom Fallbeispiel des Bundeskanzlers lernen können.

Was Top-Manager:innen und ihre Kommunikationsteams vom Fallbeispiel des Bundeskanzlers lernen können.

Seit 1972, damals in der Jungen Union, ist Friedrich Merz politisch aktiv. Kaum sind 54 Jahre vergangen, kam er jüngst angesichts ernüchternder Wahlergebnisse zur Erkenntnis: „Wir müssen versuchen – ich selbst auch –, die Menschen in ihrer ganzen Emotionalität stärker zu erreichen.“
Man würde ähnliche Zitate mit wenig Aufwand auch von anderen Politiker:innen finden. Insofern geht´s hier nicht allein um Friedrich Merz, sondern um das Phänomen, dass Menschen in exponierter Position höchst gefährdet sind, den Boden unter den Füßen zu verlieren, das heißt: die Nähe zu den Menschen. Das gilt für Führungspersönlichkeiten in der Politik wie in der Wirtschaft oder anderen gesellschaftlichen Bereichen. Wo das passiert, sind nicht nur diese Führungspersönlichkeiten gefragt (viele können nach den vielen Jahren im System gar nicht anders), sondern die Kommunikatoren um sie herum.
Kaum Raum für Begegnung
Friedrich Merz möchte „mehr Emotionalität“ in der politischen Kommunikation. Er meint sicher mehr Emotionalität, wenn er „in den Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern tritt“. Über Emotionalität und Dialog reden Politiker, wenn sie nicht in der Lage sind, Gefühle zu zeigen und in normalen Worten mit Menschen zu reden. Emotionalität ist für Friedrich Merz ein Konzept, deshalb bleibt er zwangsläufig auf der theoretischen Ebene hängen und damit ein – in der Wahrnehmung – vom Volk und dessen Anliegen distanzierter Kanzler.
Top-Manager:innen, selbst wenn sie sympathische, redselige, warmherzige Menschen sind, geraten schnell in eine ähnliche Wahrnehmungsfalle. Ihre Jobbeschreibung: eng getakteter, oft fremdgesteuerter 15-Stunden-Tag, Meeting-Terror, Konzeptschlachten, von oben draufgucken statt eintauchen, Entscheidungsdruck, alles „offiziell“ – lässt kaum Raum für Begegnung, Spontanität und ruhiges Gespräch. Wo sie auftreten, muss es schnell gehen. Direkt auf den Punkt kommen. Keine Zeit für Gefühligkeiten. Nächster Termin, nächstes Thema.
Auf der Strecke bleibt die Wahrnehmung als Führungspersönlichkeit, die den Menschen nah ist und ihre Anliegen versteht. Diese Wahrnehmung aber ist neben der eigentlichen Bilanz die Währung, in der Politiker:innen wie Top-Manager:innen bewertet werden. Fünf Aspekte sind dabei wichtig – sie zu managen ist Aufgabe des Kommunikationsteams.
Sprache
Bleiben wir bei Friedrich Merz, der zum einen oft scharf und belehrend spricht, nicht selten eine intellektuelle Überlegenheit ausstrahlend. Selbst wenn er Recht hat – so gewinnt man keine Herzen. Auch nicht, wenn man auf Kritik schroff und kurz angebunden reagiert. Gute Beispiele für menschennahe Sprache liefern immer wieder die NRW-Minister Herbert Reul und Karl-Josef Laumann.
Themen
Ursula von der Leyen hielt kürzlich eine State of the (european) union-Rede. Sie sprach über Startups, Raketentechnologie und europäische Verteidigung. Über Mieten und Benzinpreise zum Beispiel, also bürgernahe Themen, sprach sie nicht. Klar: Ein CEO muss über Profitabilität, Fernost und Wettbewerbsdruck sprechen. Aber er sollte auch den Mut haben, über KI und Jobangst zu sprechen. Die Menschen am Band oder im Vertrieb interessiert das EBITDA nicht.
Auftritt
Rucksäcke und Kroko-Aktentaschen sind eine Aussage. Wie die Auswahl der Krawatte, das Brillenmodell, eine große Entourage, ein immer missmutiges Gesicht oder das Urlaubsfoto eine Aussage sind. Wer sich ständig in einer gewissen Abnormalität bewegt, verliert für diese Aussagen das Gefühl. Deshalb brauchen Politiker:innen wie Top-Manager:innen Kommunikationsprofis an ihrer Seite, die es gut mit ihren Chef:innen meinen und sich trauen zu sagen, was sich andere im C-Level-Umfeld nicht trauen.
Präsenz
Zumindest in diesem Sinne sind digitale (soziale) Medien ein Segen. Es war nie leichter, Präsenz zu zeigen und dabei ein Format zu wählen (Foto, Video), in dem sich glaubwürdig Nähe vermitteln lässt. Top-Manager:innen, denen mangelnde Präsenz vorgeworfen werden, sind selbst schuld.
Bilder
Auch 22 Jahre nach der Gründung von Facebook verwenden Manager:innen wie Kommunikator:innen noch immer unglaublich viel Zeit und Geld darauf, Inhalte zu entwickeln. Und werden immer wieder dabei erwischt, dass sie kein Gespür für das richtige (oder falsche) Bild haben. Auch Bilder lassen sich wie Narrative inszenieren. Und sie verbreiten sich meist viel schneller. Auch das zu managen, ist Aufgabe der Kommunikation.
Bildnachweis: KI-generiert mit magnific