


Harte Schale, weicher Kern, so erlebt man Will McAvoy über drei Staffeln der Serie „The Newsroom“. In den Konferenzen des Redaktionsteams läuft der intelligente, scharfzüngige und meinungsgetriebene Nachrichtenchef regelmäßig zu Höchstform auf. Die Redakteur:innen des Nachrichtensenders ACN schüchtert das nur selten ein. Meist wird man Zeuge von intensiven, auch lauten Auseinandersetzungen darüber, was eine Story ist und was keine. Wie man sie bringen könnte und was die Zuschauer:innen wirklich interessiert. Die Serie lebt von der Dynamik und Emotionalität dieser Diskussionen und die Nachrichtensendung profitiert vom ungeschminkten Meinungskampf der Redaktion.
Cut. Neue Szene. Morgenkonferenz der Redaktion, zwei Redakteure sitzen im Konferenzraum, der Rest schaltet sich per Teams dazu, Mikrofone sind ausgeschaltet, zum Teil auch die Kameras („Sorry, schlechtes Netz heute“). Der Chef vom Dienst geht durch die Themen des Tages, verteilt Aufgaben. Diskussion: Fehlanzeige. „Dann frohes Schaffen allerseits!“
Mikro aus, Meinung aus
In den meisten Newsrooms von Unternehmen dürften Konferenzen wie bei ACN die Ausnahme sein, eher teilnahmslose, abhakende Meetings dagegen die Regel. Für schnelle Updates im Team ist das okay, für eine ausgewogene, stakeholderorientierte Themen- und Storyplanung allerdings nicht. Remote Work und Teamwork erhöhen in vielen Unternehmensbereichen Effizienz und Qualität. In der Unternehmenskommunikation wird sie zum Problem – jedenfalls dann, wenn es um die Grundlagenarbeit geht.
Was interessiert Mitarbeitende und Kund:innen? Auf welches Mindset treffen wir gerade? Wie schätzen wir die Wirkung des neuen Strategieprojekts auf die Stimmung ein? Wie gut sind unsere Leute über X und Y informiert? Über solche und weitere Fragen braucht es intensiven Meinungsaustausch und unterschiedliche Perspektiven. Der entsprechende Austausch aber bleibt in virtuellen Meetings oft aus. Forschende der Columbia und Stanford-Universitäten kamen zum Ergebnis, dass virtuelle Meetings kreative Prozesse hemmen. In physischen Meetings dagegen entstehen lebendigere Diskussionen, die Meinungsvielfalt ist höher. Mehr als die Hälfte der Beschäftigten gibt im Calendly's Status of Meeting Report zu, bei virtuellen Meetings mit zwei oder mehr Teilnehmenden regelmäßig zu multitasken. Besonders ausgeprägt ist das bei jüngeren Generationen: Drei Viertel der Gen-Z-Beschäftigten multitasken nach eigenen Angaben während virtueller Meetings fast immer, bei den Babyboomern sind es nur 34 Prozent.
Allein im Turm
Die fortschreitende Digitalisierung führt in einem weiteren Arbeitsfeld der Content-Produzent:innen im Unternehmen zu einem Problem. Nicht nur der Griff zum Telefon wird immer seltener. Redakteur:innen sind auch immer weniger im Unternehmen unterwegs. Die Folge: Sie erleben das Unternehmen nicht mehr. Sie treffen niemanden auf dem Gang, niemanden an der Pforte oder auf dem Parkplatz. Sie riechen die Fabrik nicht, haben keine Smalltalks mit den Vertriebler:innen, sehen nicht, wie die Kundschaft in den Filialen agiert. Mangels solcher Erlebnisse und Gespräche geht nicht nur das Gespür für die Stakeholder verloren. Auch die Themenideen werden blasser, das Urteilsvermögen leidet. Gerade in Kommunikationsteams von großen Unternehmen wächst so die Gefahr eines Blicks aus dem Elfenbeinturm. Einschätzungen über Wohl und Wehe in der Belegschaft zieht man dann nur noch aus Gesprächen mit dem Management aus dem fünften Stock.
Digitale Werkzeuge stärken redaktionelle Arbeit dort, wo es um Skalierung, Geschwindigkeit oder Strukturierung geht. Sie sind aber nicht nur kein Ersatz, sondern ein Hindernis, wenn es um den Kern von Content-Arbeit geht: um menschliches Urteilsvermögen zum Beispiel, authentische Einblicke, Meinungsaustausch, Einordnung und eigenes Erleben.